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Entwicklung braucht Zeit

Als mein Vater geboren wurde, gaben Schweizer Arbeiter und Angestellte einen Drittel ihres Lohnes für Lebensmittel aus. 1’200 Einwohnerinnen teilten sich einen Arzt, und jedes zwanzigste Kind starb im ersten Lebensjahr. Nur gerade 546 Personen machten in diesem Jahr einen Universitätsabschluss, darunter so wenig Frauen, dass sie in der Statistik nicht erfasst wurden. Und dass die Frauen ein Stimmrecht haben könnten, schien vielen undenkbar. Das war im Jahr 1937.

Nun, da meine Kinder sieben Jahre und älter sind, fallen nur noch sieben Prozent aller Haushaltausgaben auf Nahrungsmittel. Dafür hat sich der Ausgabenanteil für Verkehr, Erholung, Bildung und Kommunikation auf 24 Prozent verdreifacht. Die Ärztedichte ist doppelt so hoch wie bei der Geburt meines Vaters, und es sterben zehnmal weniger Kleinkinder als damals. 2015 haben 32’080 Menschen an einer Schweizer Universität ihren Abschluss gemacht, davon 51 Prozent Frauen. Und das Stimm- und Wahlrecht der Frauen ist eine Selbstverständlichkeit.

Zwischen der Geburt meines Vaters und heute liegen fast 80 Jahre. Und vor seiner Geburt hatten schon fünf, sechs, sieben Generationen zur technischen und demokratischen Entwicklung der modernen Schweiz beigetragen. Mehr als 200 Jahre hat die Schweiz also gebraucht, um aus einer armen Agrargesellschaft mit regelmässig auftretenden Hungersnöten das zu werden, was sie – bei allen Vorbehalten und Problemen – heute ist: ein wohlhabendes und tolerantes Land mit einer vielfältigen Bildungslandschaft , einer ausgezeichneten Gesundheitsversorgung und bestausgebauter Infrastruktur, mit einer funktionierenden Gerichtsbarkeit und mit politischen Instanzen, die in freien Wahlen bestellt werden und ihre Verantwortung wahrnehmen.

In vielen Entwicklungsländern vollziehen sich, von uns oft unbemerkt, ähnliche Veränderungen. Die Ernährung wird besser, die Lebenserwartung steigt, immer mehr Menschen verfügen über sauberes Wasser und Elektrizität, Schul- und Berufsbildung sind besser geworden, die Zivilgesellschaft bekommt mehr Einfluss. In unserer neuen Plakatkampagne erzählen wir, wie sich das auf das Leben von Familien auswirkt. Wir zeigen etwa die Grossmutter, die das Wasser aus einem Tümpel schöpfte, die Mutter, die es im Dorfbrunnen holte, und die Tochter, die den Wasserhahn aufdreht. Sie zeigen uns, dass in vielen Entwicklungsländern tiefgreifende, echte Veränderung stattfindet.

Gleichzeitig ist Entwicklung eine langwierige Angelegenheit, mit Rückschlägen und zähen Bremsfaktoren. In der Schweiz waren das etwa die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse bis zum Generalstreik, die Wirtschaftsdepression kurz vor der Geburt meines Vaters oder die Ölkrise der Siebzigerjahre. Dass sich vieles zum Guten wandelt, erfassen wir oft erst richtig, wenn wir den Blick öffnen. Dann können wir den grösseren Bogen mit seinen fundamentalen und meist positiven Entwicklungen erkennen. Dieser umfassende Blick ist umso wichtiger, als in Wirtschaft und Politik zunehmend kurzfristige Erfolge eingefordert werden. Wirklicher Wandel, echte Veränderungen geschehen kaum je von heute auf morgen. Das haben wir im Laufe unserer Tätigkeit gelernt. In Gesprächen erfahre ich immer wieder, dass Freunde, Spenderinnen und Unterstützer von Helvetas das genauso sehen. Und dass sie uns genau deshalb oft über Jahrzehnte hinweg die Treue halten.


Melchior Lengsfeld, Geschäftsleiter von HELVETAS Swiss Intercooperation