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Mir hei e Verein, i ghöre derzue

Vor einiger Zeit besuchte uns der Oberste Richter Bhutans mit einer Delegation auf der Geschäftsstelle in Zürich. Es war ein angeregter, offener Austausch über das Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft, zwischen Regierenden und Regierten. Unter anderem gab es einen kurzen Vortrag über das Schweizer Vereinswesen – jede und jeder hat in der Schweiz das Recht, einen Verein zu gründen. Alles, was es dazu braucht, sind Statuten und ein Vorstand; zu registrieren braucht man sich nicht. Ungläubiges Staunen unter unseren Gästen.
In der Schweiz gibt es laut seriösen Schätzungen rund 100’000 Vereine.
Bei einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik gaben 61 Prozent aller Befragten an, sie hätten in den letzten zwölf Monaten in einem Verein Freiwilligenarbeit geleistet. Bei den 19- bis 25-Jährigen waren es sogar 65 Prozent. Ihnen allen hat Mani Matter mit «Mir hei e Verein, i ghöre derzue» eines seiner berühmtesten Lieder gewidmet. Auch ich bin Mitglied zahlreicher Vereine und Organisationen. In einigen engagiere ich mich vorbehaltlos und aktiv, weil ich etwas erreichen oder gezielt unterstützen will. In einer ganzen Reihe anderer Vereine bin ich Passivmitglied, weil ich gut finde, was sie tun.
Vereine und ähnliche Organisationen sind für die Demokratie und das Zusammenleben in der Schweiz ungemein wichtig. In Vereinen lernen wir, Ansichten und Vorschläge zu artikulieren, Positionen auszuhandeln und manchmal auch Niederlagen zu akzeptieren. In Vereinen kommen wir mit Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Kreisen zusammen, werden mit anderen Weltanschauungen konfrontiert. Vereine sind der zivilgesellschaftliche Kitt, der die vielgestaltige Schweiz zusammen hält und die Demokratie belebt. Sie sind ein Weg, sich direkt zu engagieren und mitzugestalten, sei das in einem Workshop zur Einrichtung des Kinderspielplatzes im Quartier oder beim Sammeln von Unterschriften für eine transparente Parteienfinanzierung.
Ein bekanntes Beispiel für die politisch aktive Zivilgesellschaft ist die Operation Libero, ein Verein vorwiegend junger Menschen, die sich in der Abstimmungskampagne zur unseligen Durchsetzungsinitiative zusammentaten und die sich seither intelligent, frisch und erfolgreich für eine weltoffene und zukunftsorientierte Schweiz einsetzen.
Zurück zu Bhutan. Dort dürfen sich seit einigen Jahren NGOs registrieren lassen. Doch sie müssen dafür ein aufwendiges Prozedere durchlaufen. Die Regierung will immer noch genauwissen, wer sich mit welchen Absichten wie organisiert. Wir unterstützen in Bhutan den Prozess hin zu einer vielfältigen Zivilgesellschaft. In einem fruchtbaren Dialog mit den Behörden weisen wir immer wieder darauf hin, dass die Zivilgesellschaft für das Funktionieren eines Staates wichtig ist. Dass Bürgerinnen und Bürger in den Organisationen der Zivilgesellschaft lernen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Dass viele zivilgesellschaftliche Organisationen staatliche Massnahmen unterstützen und auf ihre Art aktiv begleiten.
Für das Land der 100’000 Vereine sage ich: Mani Matter hören! Vereinsbeitrag einzahlen! Sich im eigenen Umfeld sozial engagieren! Schliesslich ist jeder Staat nur so stark wie die Gesellschaft, die ihn trägt.

 


Melchior Lengsfeld, Geschäftsleiter von HELVETAS Swiss Intercooperation