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Arbeitsmarktmassnahmen für Jugendliche im Kosovo

Kosovo ist das jüngste Land Europas, das sich nach einem inter-ethnischen Krieg (1998-99) von Serbien abgespaltet und im Februar 2008 formal seine Unabhängigkeit erklärt hat. 2013 hat auch die EU die Legitimität des neuen Staates anerkannt. Allerdings erkennen bis heute nicht alle Staaten – insbesondere Serbien – die Unabhängigkeit Kosovos an.
Die Schaffung neuer und eigenständiger staatlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen stellt dieses kleine Land mit knapp 1.9 Millionen Einwohnern vor immense Herausforderungen: Die alten Seilschaften aus dem Krieg dominieren immer noch das Geschehen im Land und haben ihren Einfluss zur eigenen Bereicherung genutzt. Korruption ist weit verbreitet. Staatliche Strukturen und Mitbestimmungsmöglichkeiten, vor allem auf Gemeindeebene, sind noch schwach ausgeprägt. Der Unterstützungsbedarf ist hier weiterhin gross.

Jugendarbeitslosigkeit: eine tickende Zeitbombe

Wirtschaftlich holt das Land nur langsam auf. Zwar wuchs die Wirtschaft 2016 um ca. vier Prozent (nachdem sich Kosovo in den letzten Jahren von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 erholt hat), die Arbeitslosigkeit ist jedoch weiterhin sehr hoch mit 27.5 Prozent (32.3 Prozent bei Frauen).

Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit – d.h. von jungen Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren – ist astronomisch hoch mit 52.7 Prozent! Und dies in einem Land, wo die unter 35-Jährigen 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Jedes Jahr treten ungefähr 200‘000 junge Menschen neu in den Arbeitsmarkt ein, demgegenüber treten aber nur 60´000 in Ruhestand. Dies ist eine tickende Zeitbombe in einem Land gebrandmarkt durch gewalttätige Konflikte.

Während der Arbeitsmarkt generell wenig Zukunftsperspektiven für junge Menschen bietet, ist es für junge Frauen und junge Menschen, die einer ethnischen Minorität angehören, noch schwieriger. Traditionelle Geschlechterrollen sind vorherrschend, und der Platz von jungen Frauen wird eher Zuhause als in einem Beruf gesehen. Zudem sind die Karrieremöglichkeiten eingeschränkt, weil Beruf und Familie nicht vereinbar sind (geeignete Kindertagesstätten etwa fehlen).

Minoritäten werden oftmals ausgegrenzt aufgrund ethnischer Stereotypen (etwa im Falle von Roma, Aschkalis oder Balkan-Ägypter) oder von Sprachbarrieren zwischen serbisch- und albanisch-stämmigen Menschen (Berufsberatungs- und Arbeitsmarktvermittlungsdienste werden vielfach nur in Albanisch angeboten).

Mangelnde Zukunftsperspektiven im eigenen Land führen dazu, dass viele junge Menschen aus Kosovo auswandern und vor allem in Westeuropa berufliche Selbstverwirklichung und ihr Lebensglück suchen. Als Folge der restriktiven Einwanderungspolitik der EU-Staaten wanderten 2016 weniger Menschen aus Kosovo aus als in den Jahren zuvor. Das Grundproblem fehlender Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Kosovo bleibt aber bestehen.

Die Auswanderung der Jungen verschärft die Schwierigkeiten im Land: Trotz der hohen Arbeitslosigkeit fehlen der Wirtschaft gut ausgebildete Fachkräfte – und auch in der Politik bedarf es engagierter junger Menschen, die der Misswirtschaft und nationalistisch-populistischen Strömungen entgegenwirken.

Hauptursachen für die hohe Jugendarbeitslosigkeit

Die unmittelbaren Ursachen für die hohe Jugendarbeitslosigkeit liegen darin, dass Kernbereiche des Arbeitsmarktes nicht richtig funktionieren: 
  1. Ausbildung
    Während es Berufsschulen und Universitäten gibt, bieten diese kaum je marktorientierte Ausbildungen an, die garantieren, dass junge Menschen die richtigen Voraussetzungen für einen Berufseinstieg mitbringen. Eine universitäre Ausbildung wird ausserdem einer Berufsschulausbildung vorgezogen – obwohl auf dem Arbeitsmarkt Praxisnähe gefragt ist. 
     
  2. Jobangebot
    Die wirtschaftliche Dynamik ist zu schwach, um den grossen Nachschub an jungen Arbeitskräften zu bewältigen. Während die Agrarwirtschaft an Bedeutung verliert (und vor allem für Junge nicht mehr attraktiv ist), werden andere Sektoren ungenügend gefördert. Es fehlt eine kohärente wirtschaftliche Entwicklungsstrategie, die zu mehr Investitionen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen führt.
     
  3. Arbeitsvermittlung
    Die staatlichen Angebote sind ungenügend. Es gibt nur wenig Berufswahlinformationen, und die Berufsberatung steckt noch in den Kinderschuhen. 
     
  4. Arbeitsmarktpolitik
    Die Arbeitsmarktpolitik hat einen wesentlichen Einfluss auf die Einstellungsmöglichkeiten für Berufsanfängerinnen und -anfänger und die Arbeitsbedingungen. Gerade junge Menschen sind oft benachteiligt. Auf dem informellen Arbeitsmarkt, der für viele junge Menschen die einzige Verdienstmöglichkeit bietet, sind die Arbeitsbedingungen prekär. Andere stecken in Niedriglohnjobs oder Praktika fest, und viele arbeiten ohne Lohn im Familienunternehmen.

Das EYE-Projekt

Was kann dagegen unternommen werden? Das Enhancing Youth Employment (EYE)-Projekt der DEZA setzt bei den Hauptursachen an und will systemische Veränderungen herbeiführen, die inklusiv und nachhaltig sind und vor allem möglichst vielen jungen Menschen im Land helfen. EYE wird von Helvetas gemeinsam mit Management Development Associates (MDA), einer kosovarischen Organisation, implementiert. Das Gesamtbudget für die zweite (vierjährige) Phase, die im Januar 2017 begonnen hat, beträgt 7.5 Millionen Schweizer Franken.
Das Projekt ist ein umfassendes Arbeitsmarktprogramm, welches auf innovative Weise und zielgerichtet Impulse im schwachen Arbeitsmarkt setzt. Um ein paar Beispiele zu nennen: 

Ausbildung
EYE stärkt neue und stärker marktorientierte Berufsausbildungen, indem es Elemente des schweizerischen dualen Systems in Kosovo einführt. So wurden etwa mit der Universität Pristina und anderen akademischen Instituten Plattformen ("Industrial Boards") eingerichtet, die einen besseren Austausch zwischen Universität und Wirtschaft ermöglichen.

Auch auf Ebene der Berufsschulen testet EYE neue Koordinationsmechanismen. Diese haben bereits dazu geführt, dass Lernprogramme wo sinnvoll an die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst werden, wodurch Absolventinnen und Absolventen bessere Chancen haben, einen Job zu finden.
Zudem fördert EYE auch die Entwicklung neuer Kurse durch private Bildungseinrichtungen – zum Beispiel Computer-Programmierkurse. Diese werden auf kommerzieller Basis angeboten und sind daher finanziell nachhaltig.

Jobangebot
EYE stimuliert privatwirtschaftliche Investitionen in Sektoren mit Zukunftspotenzial und attraktiven Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen. So zum Beispiel im IT-Sektor, der ein enormes Wachstumspotenzial hat. Viele kosovarische Firmen nutzen das Internet, um IT-basierte Dienstleistungen in Westeuropa anzubieten – etwa im Bereich der Marktforschung, Call-Center, Website-Programmierung etc.

Hier bezieht EYE auch die grosse kosovo-albanische Diaspora in der Schweiz mit ein: junge Menschen, deren Eltern während des Krieges in die Schweiz geflüchtet sind und die hier als Secondos aufgewachsen sind. Dank ihrer hervorragenden beruflichen Ausbildung sind sie gut aufgestellt, um Dienstleistungsunternehmen zu gründen, die ein Standbein in beiden Ländern haben. Kunden sind Schweizer Unternehmen und Konsumenten, die Dienstleistung wird von jungen Menschen in Pristina erbracht.

EYE unterstützt diese Jungunternehmerinnen und -unternehmer dabei, Geschäftskonzepte zu erstellen und Netzwerke hier in der Schweiz als auch in Kosovo aufzubauen, und unterstützt junge Start-ups auch finanziell. Hierdurch entstehen neue Jobs im IT-Sektor, die beiden Ländern nützen.

Vermittlung
Jobangebot und -nachfrage müssen effektiv miteinander in Verbindung gebracht werden. Hier unternimmt EYE Folgendes:
  • Zum einen müssen junge Leute bereits früh eine Beratung erhalten, um eine realistische Berufswahl zu treffen. Hier fördert EYE einerseits Gemeinden beim Aufbau von Berufsberatungszentren. Andererseits versucht das Projekt, die Rolle der Massenmedien als Informationsquelle zu nutzen.

    Innovative und auch unterhaltsame Medienformate informieren Eltern und Jugendliche über Arbeitsmarkttrends und bereiten sie auf die Realitäten beim Berufseinstieg vor. Was in der Schweiz normal ist (jedes Nachrichtenportal hat eine Karriereseite), ist in Kosovo neu.   
     
  • Zum anderen fördert EYE auch das Angebot an Vermittlungsdienstleistungen – nicht nur bei der öffentlichen Arbeitsvermittlung ("Job Centres", die dem Arbeitsministerium unterstehen), sondern auch private Online-Jobportale, Rekrutierungsfirmen, Zeitarbeitsfirmen etc.
Politik
Arbeitsmarktperspektiven werden massgeblich von der Politik mitgestaltet. Die Qualität der Jobs, die junge Menschen annehmen, hängt von den gesetzlichen und betrieblichen Arbeitsmarktregeln ab. Welche Karrierechancen junge Frauen haben, hängt von der Familienpolitik eines Staates ab.

EYE fördert darum den gesellschaftlichen Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern, Wirtschaft (Arbeitgeberseite) und Jugendvertreterorganisationen (Arbeitnehmerseite). Dieser Dialog dreht sich im Wesentlichen um die Frage: "Welche Jobs wollen wir für junge Menschen und für die Zukunft unseres Landes?"
Arbeitsmarktsysteme nachhaltig zu verändern, dauert seine Zeit. Dennoch hat EYE in der ersten Projektphase (2013-2016) bereits beachtliche Resultate erreicht: Fast 12´000 junge Menschen haben dank des Projektes eine Arbeitsstelle gefunden. 2´150 neue Stellen wurden geschaffen durch die Unterstützung von Unternehmen und Wachstumsstrategien in ausgewählten Sektoren. 9´400 Menschen fanden einen Job, weil sie Vermittlungsdienstleistungen in Anspruch genommen haben, die von EYE gefördert wurden. 6´500 junge Menschen haben eine bessere Ausbildung erhalten.

Diesen Erfolg verdankt Helvetas seinem kompetenten und hart arbeitenden Team vor Ort, engagierten Projektpartnern sowie den vielen motivierten jungen Kosovarinnen und Kosovaren und nicht zuletzt der fruchtbaren Zusammenarbeit und der Unterstützung durch die DEZA.